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Spotlight-Serie mit Anubhav Verma, CFO von MicroVision

Wir möchten eine neue, interessante Serie starten, in der wir einige unserer MicroVision-Experten vorstellen. Ziel ist, deren Aufgaben besser zu verstehen und ihre individuelle Sicht auf die LiDAR-Branche zu erfahren. Wir eröffnen diese Serie mit Anubhav Verma, der im November 2021 bei MicroVision die Position des Chief Financial Officer übernommen hat. Anubhav bringt eine über 13-jährige Erfahrung in den Bereichen Kapitalmärkte, strategische Finanzen, Fusionen und Akquisitionen sowie Finanzplanung und -analyse (FP&A) mit zu MicroVision.

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Gespräch mit uns nehmen, Anubhav!

AV: Sehr gerne.

Sie sind jetzt seit fast einem Jahr bei MicroVision, lassen Sie uns also ganz am Anfang beginnen.  Was hat Sie bewogen, diese Stelle anzunehmen?  Was hat Sie an dieser Aufgabe am meisten gereizt?

AV:  Der LiDAR-Bereich, die Automobiltechnik und die Branche der autonomen Fahrzeuge im Allgemeinen faszinieren mich sehr. Das ist ein unglaublich wichtiges Arbeitsfeld, das sich wesentlich auf unsere nähere Zukunft auswirken wird, indem es unsere Straßen sicherer macht und die Zahl der Unfallopfer reduzieren wird. Nach meiner Einschätzung ist MicroVision bestens aufgestellt, um eine wichtige Rolle bei der Förderung dieser Sicherheitsverbesserungen zu übernehmen, und so war die Chance, Teil dieses Teams zu werden, für mich sehr spannend.

Dieser Bereich war für mich deshalb so interessant, weil es eine Reihe von Neueinsteigern mit irrwitzigen Bewertungen und Erwartungen gab – MicroVision war das genaue Gegenteil davon. Das Managementteam und der Vorstand dieses vor fast 30 Jahren gegründeten Unternehmens arbeiten nach meiner Überzeugung sehr durchdacht, diszipliniert und besonnen. Ich wusste, dass MicroVision nicht nur eine einzigartige Historie hat, sondern auch eine beeindruckende Erfolgsbilanz bei der Bereitstellung von Technologie für OEMs. Damit war es eindeutig das erfahrenste Unternehmen in einem Haifischbecken von Neueinsteigern. Ich war daher sicher, dass dieses Team genau weiß, was zu tun ist, um große Partner und OEMs zu beliefern. Aber für mich gab es einen entscheidenden Faktor, mit dem sich MicroVision von seinen LiDAR-Marktbegleitern abhob: In einer Welt, in der Unternehmen in Erwartung eines exponentiellen Zukunftswachstums enorme Summen aufwenden, sah ich MicroVision‘s durchdachten und beständigen Ansatz in Verbindung mit unserer bahnbrechenden Technologie als gewinnbringende Kombination, die ein echtes Alleinstellungsmerkmal darstellt.

Können Sie uns mehr über die erwähnten „irrwitzigen Bewertungen und Erwartungen“ erzählen?

AV:  Nun, im LiDAR-Umfeld gibt es eine Reihe neuer Marktteilnehmer, die in Form von De-SPAC-Transaktionen an die Börse gebracht wurden und dabei große Kapitalsummen eingeworben haben. Ein SPAC, eine Special Purpose Acquisition Company oder auch Blank-Check Company, ist ein Unternehmen, das allein zu dem Zweck gegründet wird, über einen Börsengang (Initial Public Offering, IPO) Kapital einzuwerben, ohne selbst über ein operatives Geschäft zu verfügen, sondern mit der Absicht, später mit einem operativen Unternehmen zu verschmelzen. Beim Börsengang verfügen SPACs noch über keine Angabe zur geplanten Akquisition. Mehr zum SPAC-Modell finden Sie hier. SPACs erlangten einige Berühmtheit und wurden zum Liebling der Börse, vor allem nach COVID im Jahr 2020, als es viel Liquidität an den Märkten gab. Man konnte beobachten, wie Unternehmen mit dem Versprechen von Prognosen, die bis ins Jahr 2025 reichten, beträchtliche Finanzmittel einwarben. Insbesondere in den Bereichen E-Mobilität und Automobiltechnik betraten viele junge Unternehmen die Kapitalmärkte und gewannen mittels hochfliegender Prognosen jeweils mehrere hundert Millionen an neuem Beteiligungskapital. Üblicherweise geben börsennotierte Unternehmen nur Erwartungen und/oder Prognosen für das folgende Quartal oder Jahr ab, und zwar in der Regel in Form von Erwartungsspannen. Im Gegensatz dazu legten SPACs detaillierte und präzise Umsatzzahlen bis ins Jahr 2025 vor, die sie – zumindest auf dem Papier – sehr wertvoll erscheinen ließen.

Was wir jetzt bei diesen per SPAC gegründeten Unternehmen beobachten, ist, dass ihre Ausgangsbewertungen, Umsatzprognosen, die prognostizierte Cash-Burn-Rate und vieles mehr Quartal für Quartal angepasst werden müssen, weil die tatsächlichen Zahlen nicht annähernd an diese frühen Prognosen heranreichen. Zugegeben: Dieser Bereich macht jede Prognose zum Wagnis, denn es ist extrem schwierig vorherzusagen, wann LiDARe für OEMs tatsächlich in Serienproduktion gehen werden, bedenkt man die langen Entwicklungszyklen aufgrund der detaillierten Qualifizierungs- und Bewertungsprozesse. Aber die Probleme mit den beschriebenen frühen Prognosen scheinen über diese Unwägbarkeiten hinauszugehen.

Können Sie unseren Lesern erläutern, worauf sie bei der Begutachtung dieser Rechenmodelle achten sollten?

AV:  Sicher. Aus einer übergeordneten Perspektive empfehle ich unseren Lesern, die Finanzerwartungen eines IPO genau zu untersuchen und dann aktuelle Berichte von Analysten heranzuziehen, die den Industriezweig beobachten, insbesondere deren korrigierte Erwartungen für LiDAR-Unternehmen. Sie werden jedes Quartal große Änderungen und Rückgänge beobachten, sei es, weil der Barmittelverbrauch deutlich höher ist oder die erwarteten Erlöse deutlich niedriger ausfallen. Ein weiterer sehr wichtiger Prüfstein sind die tatsächlich gemeldeten Finanzzahlen dieser Unternehmen im Vergleich zu den Erwartungen zum Zeitpunkt des Börsengangs. Das gilt für fast alle Unternehmen, die im Zeitraum 2020-2021 erstmals börsennotiert wurden.

Sie sollten auch Faktoren wie „Umsätze nach Phasen“ oder „Auftragsbestand“ im Auge behalten, die für mehr als ein Jahr prognostiziert werden. Bei MicroVision machen wir immer deutlich, dass es sich bei diesen Zahlen um „voraussichtliche Umsätze“ handelt, da es irreführend ist, sie als „Umsätze“ (d. h. zugesagte Umsätze) anzugeben, wenn sie es nicht sind. Andere Unternehmen verwenden möglicherweise die Formulierung „Auftragsbuch“ oder „Auftragsbestand“ – eine weitere Möglichkeit, dem Leser zu suggerieren, dass es sich nicht um eine Prognose, sondern um einen zugesagten Umsatzbetrag handelt. Das ist aber nicht der Fall.

Sie werden auch feststellen, dass MicroVision sehr darauf achtet, keine Prognosen zu erstellen, die über ein Jahr hinausgehen, denn das ist im Moment seriös nicht möglich. Das ist der Grund, warum Finanzanalysten die Erlöse einiger dieser Unternehmen um die Hälfte reduzieren, oder großen Forschungs- und Entwicklungsaufwand melden, wenn die Produktionszahlen nicht steigen.  Oder wir sehen, dass der Barmittelverbrauch fast doppelt so hoch ist, wie beim Börsengang angegeben. Für MicroVision kann ich stolz darauf verweisen, dass wir seit mehr als 20 Jahren auditierte Finanzberichte bei der SEC hinterlegen und damit eine solide Finanzdisziplin an den Tag legen, indem wir sicherstellen, dass unsere gemeldeten Ist-Zahlen immer mit den an den Märkten gemeldeten Erwartungen/Voraussagen übereinstimmen. Darüber hinaus haben wir das stringenteste OPEX-Profil aller LiDAR-Unternehmen mit dem geringsten Barmittelverbrauch und verfügen über Reserven, um bei Bedarf aufzustocken.  

Wie verhält es sich mit einigen der gängigen Schlagwörter, die wir in der Branche hören?  Können Sie uns etwas über den Begriff „Design-Win“ erzählen? 

AV:  Man muss auch solche Dinge wie Ankündigungen von Unternehmen verfolgen und genau unterscheiden, was sie sagen und was sie tatsächlich bedeuten. Beispielsweise vermeldet ein Unternehmen einen „Design Win“. Einige Unternehmen geben mit „Design Win“ nichts anderes bekannt, als dass ein OEM kundenspezifische Tests mit einer ihrer Technologien durchführt. Vielleicht sind wir konservativ (und damit habe ich kein Problem!), aber wir melden einen Design Win erst dann, wenn das Design vom Kunden ausgewählt wurde. Das bedeutet, das Design wurde eingefroren, inklusive der geschätzten Kosten und Spezifikationen ausgewählt, und der OEM beginnt die nächste Phase der Implementierung.

Gilt das auch für den „Series Production-Win“?

AV:  Einen „Series Production-Win“ vermeldet MicroVision erst, wenn unsere Technologie ausgewählt wurde und wir eine geschätzte Produktions- und Jahresangabe haben, wenn wir die Position der Einheit im Rahmen des Fahrzeugdesigns kennen, wenn die Leistungsdaten und der ASIC (Chip) innerhalb der LiDAR-Einheit endgültig festgelegt sind und wenn der Code für diesen Produktionsplan finalisiert ist. Die Tier-1-Kapazitäten spielen eine wichtige Rolle, da an diesem Punkt die Lieferkette identifiziert und festgelegt wird, um diese Einheiten in Großserien herstellen zu können, um standardisierte Qualitäts- und Zuverlässigkeitstests durchzuführen und um schließlich die Lieferlogistik an die OEMs bzw. Erstausrüster und den Nachrüstservice sicherzustellen.

Unserer Einschätzung nach konkurrieren derzeit alle LiDAR-Hersteller um den „Series Production Win“ bei den OEMs.

Einige verwenden den Begriff „Tier-One-Zulieferer werden“.  Was bedeutet das für MicroVision?

AV: Das ist ein weiterer Begriff, der in der LiDAR-Branche einigermaßen inflationär verwendet wird. Wir bei MicroVision sind der Meinung, dass man nur in zwei Szenarien ein Tier-One-Zulieferer ist: Entweder man übernimmt einen bestehenden Tier-One-Zulieferer, der eine solide Erfolgsbilanz bei der Lieferung von Produkten in Automobilqualität an OEMs vorweisen kann – oder man erweitert seine Anlagen, kauft hochmoderne Produktionslinien, richtet Reinräume ein und betreibt die gesamte Fertigung und Lieferung. Beide Möglichkeiten erfordern beträchtlichen Kapitalaufwand oder Barmittel für die Investitionstätigkeiten.

Wir bei MicroVision sind der Meinung, dass man nicht zu einem Tier-One-Zulieferer wird, indem man eine Partnerschaft mit einem anderen Unternehmen eingeht, um seine Technologie bereitzustellen – selbst wenn dieser Partner ein Tier-One-Zulieferer ist.  Ein Tier-One-Zulieferer für Automobil-Erstausrüster oder OEMs ist in der Branche eine sehr gebräuchliche und eindeutige Definition.

Beunruhigen Sie die Herausforderungen in diesem Haifischbecken der LiDAR-Technologie, in dem immer wieder neue Ankündigungen auftauchen und verschiedene Unternehmen mit ihren schwankenden Finanzzahlen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen?

AV:  Ich konzentriere mich ganz auf MicroVision, und ich weiß, wie wir in dieser Branche vorgehen. Unser Ziel ist es, das umzusetzen, was wir vorher ankündigen. Wir wollen diszipliniert und umsichtig mit unseren Finanzen umgehen.  Wir vermelden nur das, was die hier besprochenen Kriterien erfüllt. Und wenn manche die Technologiebilder und Punktwolken einiger unserer Mitbewerber mit Skepsis betrachten und sich fragen, ob sie im Nachhinein manipuliert wurden, kann ich ihnen versichern, dass MicroVision so etwas niemals tun wird. Wenn Sie unsere Punktwolkenbilder sehen, können Sie sich 100-prozentig darauf verlassen, dass es sich um eine reine Live-Punktwolke direkt aus dem LiDAR handelt – ohne Nachbearbeitung, sonstige Verbesserungen oder Sensorfusionen mit bildverarbeitungsbasierten Systemen… Punkt.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Jederzeit gerne.